Vortrag von Marie-Thérèse Reinhard M.A.

Kontinuität nach der Katastrophe? Die Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg 1945 bis 1992 (5. Juli 2017)

Marie-Thérèse Reinhard präsentierte bei Ihrem Vortrag auf dem Gothenhaus wichtige Ergebnisse ihrer 2013 bei mir entstandenen Magisterarbeit, die sie in diesem Jahr als Buch herausgebracht hat. Der Studentenförderverein Gothia-Johannes Hehn e.V. hat diese Veröffentlichung mit einem Druckkostenzuschuss unterstützt. Es handelt sich hierbei um ein wichtiges, viel zu wenig bekanntes Kapitel der Würzburger Stadtgeschichte wie auch der jüdischen Geschichte in Deutschland insgesamt. Mit unserer Gothia hat das Thema insofern zu tun, als unser Verbindungshaus bekanntlich bis 1938 und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg im Besitz des jüdischen Apothekers Max Mandelbaum war, von dem unsere Verbindung es 1954 erwarb.

Frau Reinhard legte einleitend zunächst die Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde in Würzburg vor 1945 dar, weil man nur vor dem Hintergrund des Gewesenen die Dimensionen des Kulturbruchs nach 1933 sowie die Probleme nach 1945 wirklich verstehen kann. Das Jahr 1945 stellte vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Völkermords einen weitgehenden Neuanfang dar, wobei in Würzburg charakteristisch war, dass der Wiederaufbau jüdischen Lebens am Main in erheblichem Umfang das Werk überlebender und zurückgekehrter fränkischer Juden war. Frau Reinhard arbeitete eindrucksvoll die vielfältigen Probleme heraus, mit denen die Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg in diesen Jahren konfrontiert war, so die schwierige Gemeindeneubildung aus Rückkehrern und ehemaligen Displaced Persons, die schwierige Wohnungsfrage in der zerstörten Stadt und die Entwicklung des Alltagslebens. Weiterhin ging sie auf die juristische Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Würzburg zwischen 1948 und 1957 ein und behandelte hier v.a. die komplizierten Entschädigungsfragen. Hier wurde sehr deutlich, dass die Tatsache, dass die neue Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg von den jüdischen Weltorganisationen, insbesondere der IRSO (Jewish Restitution Successor Organization), die in der Nachkriegszeit die Interessen der in Westdeutschland lebende Juden gegenüber Bund, Ländern und Besatzungsmächten vertraten, nicht als Rechtsnachfolger der Vorkriegsgemeinde anerkannt wurde, bis heute nachwirkende negative Folgen für das Gemeindevermögen hatte. So wurde der noch vorhandene Immobilienbesitz überwiegend nicht restituiert, sondern von der IRSO an Dritte verkauft. Hintergrund dieser aus heutiger Perspektive befremdlichen Haltung war die Überzeugung der internationalen jüdischen Organisationen, dass es im Nachkriegsdeutschland angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen keine jüdischen Gemeinden mehr geben könne bzw. dürfe. Erst als klar war, dass die Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg dauerhaft weiterbestehen würde, gelang es David Schuster, von 1958 bis 1996 Erster Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Würzburg, wenigstens einen Teil von deren früheren Besitz in der Valentin-Becker-Straße zurückzuerhalten. Vergleichsweise einfacher war die Restitution dagegen für überlebende Privatleute, wie Frau Reinhard am Beispiel Max Mandelbaums zeigte. Eindrucksvoll legte sie dar, wie der frühere Gauleiter Otto Hellmuth vehement versuchte, die Rückgabe der Mandelbaum-Villa – das heutige Gothenhaus – an den rechtmäßigen Eigentümer zu verhindern, wobei er aber letztlich vor Gericht unterlag. Abschließend behandelte Frau Reinhard schließlich die Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde in Würzburg in der Ära David Schuster (1958 bis 1992). Hier ging sie vor allem auf das Gemeindeleben, die zunehmende Integration der Gemeinde in die Würzburger Gesellschaft, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, das Wiederaufleben antisemitischer Tendenzen, den Neubau der Würzburger Synagoge und die Anfänge einer spezifischen, auf die Würzburger Juden bezogenen Erinnerungskultur ein. Es wurde hierbei überaus deutlich, wie viel die jüdische Gemeinde, aber auch Würzburg und Unterfranken insgesamt, David Schuster, der 1990 zum Ehrenbürger der Universität Würzburg ernannt wurde, verdanken. Anschließend stand Frau Reinhard noch für Fragen zur Verfügung, bevor die Veranstaltung in geselliger Runde ausklang. Es war sehr gelungener Abend, wer nicht dabei war, hat wirklich etwas versäumt.

Literaturhinweis:

Marie-Thérèse Reinhard: Kontinuität nach der Katastrophe? Die Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg von 1945 bis 1992. Würzburg: Ergon-verlag 2017, 208 Seiten, EUR 28,-

Geschrieben von Bbr. Prof. Dr. Matthias Stickler

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